Menschen- und Weltbilder im Wandel

Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft, in scheinbarer Toleranz koexistieren unterschiedliche Menschen- und Weltbilder. Ein gesellschaftlicher Umbruch hat seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts unsere Gesellschaft erfaßt, kaum ein Bereich, der nicht davon beeinflußt wird.

 

Das Fehlen eines mit den sich schnell entwickelnden modernen Wissenschaften verträglichen Weltbildes hat dazu geführt, daß die dominierenden Natur-wissenschaften heute nur noch von der Idee der Machbarkeit geleitet werden. Es herrscht ein ungebremster Pragmatismus, der durch keine Religion, keine Philosophie und keine Ethik gesteuert wird.

 

Die sich daraus ergebende Koexistenz vieler Menschen- und Weltbilder bedeutet nicht, daß wir eine konfliktfreie Gesellschaft hätten, in der jeder nach seiner Fasson selig werden kann. Die einzelnen Weltanschauungen haben ein Beharrungsvermögen, daß sich in Intoleranz und Feindschaft gegenüber Andersdenkenden äußern kann. So ist ein weltanschaulicher Wandel nicht nur eine Zeit großer denkerischer Freiheit, sondern auch großer gesellschaftlicher Auseinandersetzungen.

 

Unser rationalistisches Weltbild der Gegenwart hat tiefgreifenden Einfluß auf und durch uns. Indem wir diese Urheberschaft erkennen, können wir an unserem Menschen- und Weltbild arbeiten. Wir können uns die Freiheit nehmen, es zu verändern und so zu prägen, daß wir aktiv an einem neuen Identität stiftenden und Sinn schaffenden Gedankengebäude mitwirken können.

 

W. Harmann hat einmal die Weltvorstellung der heutigen konventionellen Wissenschaften in zehn Punkten zusammengefaßt. Noch vor 50 Jahren war keiner dieser Punkte in Frage gestellt. Es ist interessant, einmal für sich zu testen, wie viele dieser Punkt wir heute noch uneingeschränkt unterschreiben würden:

 

(01)  Die einzig vorstellbare Art und Weise, Wissen zu erlangen, liegt in den physikalischen Sinnen und möglicherweise in einer Art Informationsweitergabe der Gene.

 

(02)  Alle qualitativen Werte sind letztlich auf quantitative Eigenschaften reduzierbar.

 

(03)  Es gibt eine klare Unterscheidung zwischen objektiver Welt und subjektiver Erfahrung. Das Konzept des freien Willens ist ein vorwissenschaftliches Konzept.

 

(04)  Das Verhalten des Menschen ist durch Kräfte bestimmt. Psychische Freiheit oder freie Wahl ist Illusion.

 

(05)  Bewusstsein ist die Nebenwirkung von physikalischen und biochemischen Prozessen.

 

(06)  Gedächtnis beruht auf im Zentralnervensystem gespeicherten Daten, vergleichbar mit dem Informationsspeicher in einem Digitalcomputer.

 

(07)  Voraussagen über zukünftige Ereignisse sind nur auf der Basis von bekannten Ursachen und Gesetzmäßigkeiten möglich.

 

(08)  Der menschliche Geist kann keine unmittelbare Wirkung auf Objekte außerhalb des Organismus ausüben.

 

(09)  Es gibt keinen Grund zur Annahme einer zielgerichteten Evolution, alles ist durch zufällige Mutation und natürliche Selektion zustande gekommen.

 

(10)  Das individuelle Bewußtsein überlebt nicht den Tod des Organismus.

Quelle: Nach W. Harmann, Bewußtsein im Wandel, Edition Phönix, Bauer Freiburg (1989), S. 43 f

 

Die Bewegung des New Age und der alternativen Wissenschaften haben dieses rationalistische Weltbild in der Öffentlichkeit bereits stark geschwächt. Die letztlich auch durch Wissenschaft und Technik eingeleiteten Krisen und gesellschaftlichen Konfliktfelder und die uns mehr und mehr beeinflussenden Virtuellen Räume des Informationszeitalters erzwingen die Suche nach neuen erweiterten sinnstiftenden Gedankengebäuden. Und diese werden sich anschließend gegen das herrschende Gedankengebäude durchsetzen müssen, ein Prozess, der von jedem einzelnen mitgestaltet werden kann.

 

Für diesen Umbruchprozess, der letztlich von einem horizontalen, rationalistischen Weltbild zu enem vertikalen Weltbild führen wird, wird das Wissen über 5 Stufen der Konfliktbewältigung hilfreich sein, wie sie von Kuhn, Schwarz und Kübler-Ross aus unterschiedlichen Fragestellungen heraus beschrieben wurden. Sie stellen ein wertvolles Orientierungswissen für ein erfolgreiches Krisenmanagment dar, und sollen helfen, auch dann noch Distanz halten zu können, wenn man selbst Teil der Transformationsprozesse wird.

 

Stufe S. Kuhn <1962> (1) G. Schwarz <1977> (2) E. Kübler-Roß <1969> (3)
Struktur naturwissenschaftlicher Revolutionen Stufen der Konfliktbewältigung Verhalten gegenüber Tod und Sterben
(1) Ableugnen, Tabuisieren Flucht Nichtwahrhabenwollen und Isolation
(2) Abtrennung auf eine andere Ebene

Kampf mit dem Ziel

a) Vernichtung

b) Unterordnung

Zorn
(3)

Zuordnung durch

a) Einschränkung des Gültigkeitsbereichs

b) Zusatzhypothesen

Delegation Verhandlung
(4) Einordnung durch Abänderung des Weltbilds Kompromiss Depression
(5)  Synthese durch "Aufhebens" des Widerspruchs Konsens  Zustimmung

(1) Thomas S. Kuhn: The Strukture of Scientific Revolutions; Chicago 1962

(2) Gerhard Schwarz: Konfliktbewältigung; Wiesbaden 1990

(3) Elisabeth Kübler-Ross, On Death and Dying; New York 1969

 

In Stufe (1) wird der heraufziehende Konflikt einfach ausgeblendet. In Stufe (2) wird versucht, den Konflikt gewaltsam zugunsten des altbewährten Standpunkts zu beenden. nachdem beides nichts genutzt hat, erklärt man sich in stufe (3) zu Verhandlungen bereit. In Stufe (4) erklärt man sich zu einem Kompromiss bereit und erst in Stufe (5) ergibt sich der erlösende Konsens. Durch eine konstruktive Grundhaltung wird eine neue Ebene erreicht, in der der bestehende Konflikt konstruktiv gelöst wird.

 

Nicht immer lassen sich die fünf Stufen zu einem allgemeinen Konsens durchlaufen. Wie die Geschichte zeigt, wird dieser Prozess oft gewaltsam unterbrochen, wenn die Entwicklung noch nicht die Kraft zur Synthese hatte. Hoffen wir, daß in dem heutigen Transformationsprozess die Gesellschaft bereits die Kraft zur notwendigen  konstruktiven Konfliktbewältigung hat. Das augenblickliche Aufbrechen immer neuer Konfliktfelder zeigt, dass das Beharrungs-vermögen der alten Ordnung noch nicht so einfach überwunden werden kann.

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