Evolution des Bewusstseins

Obwohl Bewusstsein als primäre Organisationsebene unseres Lebens von zentraler Bedeutung für das Verständnis von uns selbst und unserer Stellung in der Schöpfung ist, gibt es kaum einen ande­ren Begriff, der so uneinheitlich, ja teilweise gegen­sätzlich verwendet wird wie dieser. Traditionell sind Bewusstsein und seine Eigenschaften für die westlichen Wissenschaften ein­zigartige menschli­che Attribute. Fußend auf dem radikalen Zweifel von Descartes und dem Empirismus von Hume entwic­kelte sich hier eine rein deskriptive Auffassung von der "denken­den Substanz".

 

Dementsprechend wurde Bewusstsein zu einem Objekt, das es mit objektiven Methoden zu charak­terisieren galt. Entsprechend der fortlaufenden Zersplitterung der westlichen objektiven Wissenschaf­ten entwickelte sich auch eine Vielfalt von Bewusstseinsmodellen, die jeweils aus unterschiedlicher Sicht der jeweili­gen Einzel-wissenschaften versuchen, das Phäno­men Bewusstsein "objektiv" zu fassen, sei es z. B. aus der Sicht der Phäno­mene, der Neuroanatomie, der Neurophysiologie, der kyberneti­schen Informationstheorie oder der Quantentheorie.

 

Was ist Bewusstsein?

Die Grundfragen:

  • Was ist Bewusstsein?
  • Ist es eine kausale Reali­tät?
  • Ist es individueller oder kosmi­scher Natur?

blieben dabei unbeantwortet. Erst der gegenwärtige dramatische Paradigmenwechsel vom analytisch-mechanistischen, monokausal orientier­ten Denken zum synergistisch-ganzheitlichen Denken hat hier einen Umbruch in der Bewusstseinsforschung erzwungen.

 

Bewusstsein wird nun nicht mehr als rein menschliches Phäno­men, sondern als Basis­phänomen der gesamten Schöpfung gesehen.

 

Schon im 19. Jahrhundert wurden die Grundlagen für ein von der orthodoxen objektiven Denkweise abweichenden Verständnis des Bewusstsein gelegt. So schrieb William James:

 

Unser normales Bewusstsein, das rationale Bewusstsein, wie wir es nennen, ist nur ein Spezialfall von Bewusstsein .... rings um uns her liegen potentielle Bewusstseinsformen ganz anderer Art.

 

Gordon G. Globus nennt 1973 dieses in der ganzen Schöpfung ausgearbeitet gedachte Bewusstsein „Protobewusstsein”:

 

...... jede Materie, die Ereignissen zugrunde liegt, bewusst - besser vielleicht ”protobewusst” – ist, und zwar in Abhängigkeit von der Komplexität und den Parametern der Ereignisse, denen diese bestimmte Materie zugrunde liegt. Obwohl die Hypothese, jede Organisationsform sei bewusst, absurd anmuten mag, kann diese scheinbare Absurdität lediglich den menschlichen Chauvinismus im Hinblick auf das Bewusstsein widerspiegeln.”

 

Und Arthur M. Young ergänzt 1976, dass auch jede aufeinanderfolgende Stufe der Organisation der Materie einen Aspekt von Bewusstsein darstellt. Atomare und moleku­lare Organisationsformen besitzen danach ein Protobewusstsein und sind die Grundlage für komplexere Bewusstseinsformen. Die Unterschiede zwischen menschlichem Bewusstsein, anderen lebenden Organismen und anorga­nischer Materie repräsentie­ren danach verschiedene Stufen in der Evolution des Bewusstseins.

 

Die­ses neue Denken schreibt also dem menschlichen Bewusstsein im materiellen Universum keine isolierte Stel­lung zu, sondern postuliert ein Bewusstseinskontinuum, das tote Materie, biologi­sches Leben bis hin zu humanpsychologischen Bewusstseinsprozessen umfasst.

 

Während vom alten materialistischen Standpunkt aus Materie als Grundlage des Bewusstseins Bewusstsein als Endprodukt einer materiellen Evolution angenommen wird, sieht das neue Para­digma Bewusstsein als das primäre Phänomen in der Schöp­fung an, d.h. Bewusstsein war vor der Materie da.

 

Damit hat sich der wissenschaftliche Standpunkt dem des spirituellen Urwis­sens weitgehend angenähert, in dem Bewusstsein schon seit alters her als ein Basisphänomen der Schöpfung verstanden wird.

 

Welche Eigenschaften hat Bewusstsein?

Denkt man über Eigenschaften des Bewusstseins nach, so denkt man unwillkürlich über Eigenschaften des menschlichen Bewusstseins nach. Seien es Begriffe wie Kreativität, Zielgerichtetheit, Gedächtnis, Lernfähigkeit, Kommunikations- und Handlungsfähigkeit, das ”Sich-selbst-Erkennen”, sie alle sind mit dem Leben verknüpft und haben danach nicht die Weite, die dem Bewusstsein als primärem Schöpfungsphänomen zukommt.

 

Durchforscht man die Literatur nach derartigen Grundeigenschaften des Bewusstseins, so stößt man auch auf abstraktere Begriffe wie Selbstbezug und Selbstreflexion. Es ist die Systemtheorie, die sich besonders der Erforschung dieser Begriffe in ihrer Theorie selbstreferentieller Systeme angenommen hat. Theorie-geschichtlich war das menschliche Bewusstsein sogar das Modell für selbstreferentielle Systeme, Bewusstsein kann als als Prototyp selbstreferentieller Systeme angesehen werden.

 

Als selbstreferentielles System konstituiert sich Bewusstsein durch die zyklische Dynamik des Sich-selbst-bewusst-seins. In diesem Sinne ist jedes Bewusstsein als selbstreferentielles System fähig, Beziehungen zu sich selbst herzustellen und diese Beziehungen gegen Beziehungen zu seiner Umwelt zu differenzieren. Es ist autonom und selbstgenügsam

 

Der charakteristische Selbstbezug des Bewusstsein zeigt sich besonders im Wahrnehmungssystem:

 

Die Wahrnehmung spiegelt nicht primär die objektive, externe Umwelt wider, sondern das Subjekt der Wahrnehmung konstruiert sich seine Realität selbstorganisiert aus sich selbst und gleicht das Ergebnis dieses Prozesses permanent über den Wahrnehmungsapparat mit seiner Umwelt ab.

 

Im spirituell/mystischen Urwissen sowohl der östlichen wie westlichen Traditionen gilt ebenfalls Selbstbezug als eine der wesentlichsten Eigenschaften des Bewusstseins. Folgen wir z.B. der jüngsten systematischen Interpretation des Phänomens Bewusstsein, wie sie von Maharishi Mahesh Yogi in seiner Vedischen Wissenschaft vertreten wird, fußend insbesondere auf dem indischen Philosophen Shankara (632-664 n.Chr.) b).

 

Ausgangspunkt des Bewusstseins ist das Brahman, - das unmanisfest­manifeste, transzendente und immanente einheitliche Feld allen Seins - , Basis alles Existierenden. Das Ganze des Seins ist Bewusstsein, insofern es drei grundlegende Eigenschaften hat: Selbstbezug, Selbstgenügsamkeit und unendliche Dynamik. Indem sich das Kontinuum des Seins in einem dynamischen Rückbezug von seiner Unbegrenztheit (größer als das Größte) spontan in sich selbst auf seinen Punktwert (kleiner als das Kleinste) zurück bezieht und sich von dort wieder zurück zur Unbegrenzt­heit ausdehnt, wird es sich seiner selbst bewusst. Der Selbstrückbezug bildet so im Ganzen des Seins eine Wechselwirkung zwischen dem Aspekt der Unbegrenztheit und seinem Gegenteil, dem Punktwert. In dieser Dynamik konstituiert sich Bewusstsein als der ganzen Schöpfung zugrunde liegendes Feld. Bewusstsein als Ganzes ist also das "Sich-selbst-habende Sein". Als solches ist es der Sitz der Selbstorganisationskraft und Ausgangspunkt der Evolution der Schöpfung. 9)

 

Das SELBST als Ursprung und innerste Identität des Bewusstseins.

In ihrer Analyse der inneren Natur selbstreferentieller Systeme lokalisiert die Systemtheorie als Kern der inneren Dynamik, als innerste Identität des Systems einen „Punkt” mit ungewöhnlichen Eigenschaften, der für unsere Betrachtungen zum Bewusstsein von zentraler Bedeutung ist:

 

Systeme konstituieren sich nach der Systemtheorie aus Differenzen. Diese entstehen aus der Ausdifferenzierung von operational verwendbaren Differenzen. Eine Differenz ist aber nur da, weil zwei Alternativen sich bedingen. Geht man von einer der Alternativen (A) zur anderen (B), so kommt man „in der Mitte“ zu einem Punkt P, wo beide Alternativen zugleich gelten und deshalb keine von beiden gilt.

 

In diesem Sinne existieren selbstreferentielle Systeme ursächlich aus einem alles konstituierenden Referenzpunkt P (Nullpunkt, Mittelpunkt, Ursprung) heraus, in dem das System alle Polaritäten, alle Differenzen seiner selbstbezüglichen Dynamik transzendiert. Es ist die Einheit aller Differenzen im Nullpunkt des Systems, der dem System selbstreferentiell die eigene Identität erhält.

 

Aber ohne Eigendynamik wäre dieser Punkt der Tod des Systems, wenn sich in ihm alle Differenzen nur auslöschten. Er selbst kann nur existieren, weil er in einer ihm eigenen zyklischen konstitutiven Eigendynamik (Differenzbewegung) über sich hinaus auf die Differenzen verweist, von denen er also abhängt und nicht abhängt, da in ihm die Differenzen gelten und auch nicht gelten.

 

Im Nullpunkt werden die eingeführten Differenzen des Systems widersprüchlich, paradox. Dieser Punkt transzendiert alle möglichen Differenzbildungen des Systems und nur deshalb kann er Repräsentant aller Differenzbildungen sein. Er ist also ein Nicht-Punkt und kein Nichts-Punkt.

 

In letzter Konsequenz ist dieser Kern selbstreferentieller Systeme ein Zustand reiner Subjektivität, der nur dem System selber zugänglich ist. Der ihm eigene Selbstbezug, seine Selbstgenügsamkeit und die ihm eigene konstitutive Eigendynamik (Oszillation zwischen allen denkbaren Differenzierungen des Systems) weisen ihn als Sitz des (Proto-)Bewußtseins des Systems aus. In diesem Sinne sind alle Systeme in der Schöpfung in dem Maße der Ausprägung von Selbstorganisation bewußt.

 

Wo ist nun der Sitz dieses Ursprungs, Mittelpunkts, Nullpunkts, Nicht-Punkts im menschlichen Bewusstsein?

Die spirituell/mystischen Traditionen haben ihn im SELBST lokalisiert, dem Zustand des reinen Selbstbezugs, wo Bewußtsein nur noch ist. Es transzendiert alle Differenzen des individualisierten Ich-Bewusstseins und hat sie doch alle in einer selbstorganisierten Selbstentfaltung selbstgenügsam hervorgebracht.

 

Die Katha-Upanishad beschreibt es so:

Lautlos, gestaltlos, unfaßbar, unsterblich, ohne Geschmack, ohne Geruch, unvergänglich, anfanglos, endlos, unwandelbar, die Grenzen der Natur weit überschreitend ist das SELBST. Wer DAS erkennt, der ist befreit vom Tode.

Katha-Upanishad (13)

 

Als Transzendentales Bewusstsein transzendiert es alle drei temporären Hauptbewusst­seinszustände (14) und ist doch gleichzeitig die Grundlage aller drei, ihr ewiger Zeuge.

 

Und wieder die Katha-Upanishad:

Das, was in uns stets wach ist, auch dann, wenn wir schlafen, was unserem Wunsch im Traum die Gestalt gibt, das, wahrlich, ist das Reine, das ist Brahman und trägt zu Recht den Namen: das Unvergängliche. In ihm sind alle Welten, und es ist erhaben über alles. Es ist das SELBST.

Katha-Upanishad (15)

 

Zur Evolution des menschlichen Bewusstseins

Folgen wir weiter dem Blickwinkel der Systemtheorie selbstreferentieller Systeme, so läßt sich eine einfache Definition der Entwicklung von Bewusstsein anschließen:

 

Jede Stärkung der Selbstorganisation eines Systems, jede Art von Verstärkung von Rückkopplungen im System, jedes weitere Auftreten von zusätzlichen Rückkopplungen, steigert die Autonomie des Systems und kommt somit einer Evolution des Systems gleich, entfaltet weitere Aspekte des zugrundeliegenden (Proto-)Bewusstseins. Dabei sind Rückkopplungen zwischen Komponenten des System denkbar wie auch – in komplexeren hierarchischen Systemen – Rückkopplungen unter Einbeziehung des (eines) Referenzpunktes des Systems.

 

Aufs menschliche Bewusstsein bezogen bedeutet das:

 

Die Evolution des menschlichen Bewusstseins ist ein zweifacher Ent­wicklungsprozess, wobei beide Prozesse nicht voneinander zu trennen sind:

 

Im ersten Prozess ergibt sich die Entfaltung aller potentiellen Möglichkeiten des SELBST (Nullpunkts des Systems), bis das Bewusstsein (System) in seiner Dynamik ein perfekter Spiegel seiner Umwelt ist und das volle Potential seiner Handlungsmöglichkeiten entfaltet hat.

 

In einer zweiten Stufe wird ein bewußter Rückbezug des individualisierten Bewusstseins (des Systems) auf das SELBST (seinen Referenzpunkt) ausgebildet, bis das Bewusstsein (System) in einer großen Synthese auch die zugrundeliegende Einheitsdimension des SELBST als Teil seines Handlungspotentials verwirklicht hat.

 

Beide Prozesse können vierstufig gesehen werden. Der erste Entfaltungsprozess ist die Geschichte der vollen Individuation des menschlichen Bewusstseins zum voll entfalteten Ich-Bewusstsein, im Sinne Jean Gebsers (15) gekennzeichnet durch die Stufen des archaischen, magischen, mythischen und rationalen Bewusstseins (16).

 

Im archaischen Bewusstseinszustand ist der Mensch noch ursprunghaft in die Umwelt eingebettet. Begriffe wie Raum und Zeit sind noch nicht gebildet. Er fühlt sich noch als identisch mit der Natur.

 

Im magischen Bewusstseinszustand ist eine erste Differenzierung Mensch/Umwelt erfolgt. Die Umwelt ist erkannt, aber noch nicht gedeutet. Die Einheit mit der Natur ist noch ungestört. Das Denken ist praekausal, analogisch. Die Beziehung zur Mitwelt ist klarhaft (Stammeskult).

 

Im mythischen Bewusstseinszustand ist die Differenzierung Mensch/Umwelt weiter fortgeschritten. Die angeschaute Umwelt steht dem Menschen polar gegenüber. Das Denken ist bereits zyklisch naturzeithaft, aber noch raumlos zweidimensional. Die Beziehung zur Mitwelt ist wirhaft differenziert (Ahnenkult).

 

Im rationalen Bewusstsein als dreidimensionalem Bewusstsein sind Raum und Zeit perspektivisch differenziert. Die gedachte und vorgestellte Umwelt wird objekthaft begrenzt wahrgenommen. Um- und Mitwelt werden rational kausal erfasst. Die Beziehung zur Mitwelt ist ichhaft (Kindkult).

 

In der ersten Stufe kann noch das volle Potential der Mit- und Umwelt als Stimulanz der Evolution genutzt werden, mit dem Ziel der vollen Entfaltung des personalen Ichs. Sichtbar wird diese Entwicklung in der zunehmenden Differenzierung der Wahrnehmungs- und Handlungsfähigkeit.

 

Nach der Systemtheorie ist ein selbstreferentielles System um so weiter evolviert, je differentierter die innerorganismische Repräsentanz der Umwelt in dem System ist. Übertragen auf die Evolution des menschlichen Bewusstseins bedeutet das: In dem Maße, wie sich Bewusstsein in der Schöpfung entfaltet, spiegelt es in seiner selbstreferenziellen Geschlossenheit das Verhalten seiner Umwelt wider. In seiner Evolution wird es zu einem immer perfekteren Spiegel der Schöpfung. Allerdings zahlt das Bewusstsein dafür einen Preis: Es ist in der Gefahr, sich immer mehr von sich selbst und seiner eigenen Identität (seinem SELBST) zu entfernen. Es reagiert perfekt, aber agiert es auch schon perfekt (evolutionskonform)?

 

Es ist die oben vorgestellte zweite Stufe im Evolutionsprozess des menschlichen Bewusstseins, in der die mögliche Überschattung des Bewusstseins (17) durch die Anforderungen der Mit- und Umwelt überwunden wird, überwunden durch eine Stärkung der Selbstorganisation im Sinne einer Reintegration aller in der ersten Stufe entfalteten Facetten der Persönlichkeit in eine gelebte Einheitswirklichkeit. Dieser Prozess ist gekennzeichnet durch die Ausbildung von vier sogenannten höheren Bewußtseinszuständen, deren Beschreibungwir hier an die der Vedischen Psychologie anlehnen (18). Im Vordergrund dieses Entwicklungsprozesses steht dabei die schrittweise Aktualisierung des Selbstbezugs, der schrittweise Aufbau des Rückbezugs des voll entfalteten Ichs zum SELBST:

 

Im Transzendentalen Bewusstsein herrscht reiner Selbstbezug vor, der subjektiv als perfekte Selbstidentität oder als das SELBST erlebt wird. Das Bewusstsein als wahrnehmendes Subjekt, als selbsterfasstes Objekt und der Prozess der aufmerksamen Selbsterfassung konvergieren in diesem Zustand zu einer Erfahrungsganzheit, dem unbegrenzten SELBST. Der Zustand des reinen Selbstbezugs ist kein Zustand der Leere. Das Bewusstsein hört nicht auf, wenn es auf sich selbst bezogen ist. Die Entleerung des Bewusstseins von allen äußeren Inhalten ist vielmehr die Voraussetzung dafür, dass das Bewusstsein sich selbst in seiner ureigensten Dynamik erfahren und erkennen kann.

 

 

In einer nächsten Entwicklungsstufe, dem kosmischen Bewusstseinszustand (19) entwickelt sich ein permanenter Rückbezug des voll entfalteten Ichbewusstseins zum transpersonalen SELBST von allen drei temporären Hauptbewusstseinszuständen aus. Aufgrund der dauernden Erfahrung des SELBST neben den Hauptbewusstseinszuständen erlebt sich der kosmisch Bewusste als neutraler Zeuge oder Beobachter seiner Selbst. Dabei werden aber Ich und SELBST als völlig getrennt voneinander erlebt.

 

In einer nächsten Stufe, dem verfeinerten kosmischen Bewusstsein, verstärkt sich der innere Rückbezug des Bewusstseins weiter und die Beziehung zwischen Ich und SELBST wird erfahrbar.

 

Der Prozess der Reintegration findet seinen Abschluss im Einheitsbewusstsein, in dem die Wahrnehmung der Um- und Mitwelt in Begriffen der ihm zugrundeliegenden unmanifesten Einheit des reinen SELBST erfolgt. In diesem Zustand ist die Grenze zwischen SELBST und Nicht-SELBST überbrückt. Das konkrete Leben wird als in sich selbst tätiges SELBST erfahren. Wird in diesem Zustand jedes Objekt vollständig als Teil des SELBST erlebt, wird der Zustand "brahma-bhuta" oder "Brahman-Bewusstsein" genannt.

 

Mit der Aktualisierung des dem individuellen Bewusstsein zugrundeliegenden SELBSTsystems (des physischen, emotionalen und geistigen SELBST) werden schrittweise die durch die Um- und Mitwelt überschatteten Facetten der Persönlichkeit in die Einheitswirklichkeit des transpersonalen SELBST integriert. In der nun zugänglichen geläuterten ganzheitlichen Erfassung der Um- und Mitwelt wächst der Mensch in ein evolutionskonformes Denken hinein, in eine partnerschaftliche Rolle der Koevolution Mensch/Natur

 

Systematische Entwicklung höherer integrierter Bewusstseinszustände durch Meditation

Es stellt sich die Frage, wie dieser Prozess der Evolution des menschlichen Bewusstseins gefördert werden kann. Oben führten wir aus, dass das Transzendentale Bewusstsein oder SELBST ein Katalysator in dem zweiten Prozess sein kann. So kommt es darauf an, diesen Zustand bewusst zu erreichen, damit er seinen katalytischen Einfluß geltend machen kann. Bei jedem Übergang von einem Hauptbewußtseinszustand zu einem weiteren (Wachen, Träumen, Tiefschlaf) wird der Zustand des Transzendentalen Bewusstseins durchschritten. Die Natur hat also einen natürlichen Zugang zu diesem Referenzzustand ge­schaffen, den es heißt, für eine katalytische Beschleunigung der Bewußtseinsevolution zu nutzen.

 

Es zeigt sich, dass die östlichen spirituellen Traditionen Meditationsverfahren entwickelt haben, in denen dieses Referenzbewußtsein von jedermann jederzeit mühelos erreicht werden kann. Am bekanntesten ist hier die Technik der Transzendentalen Meditation TM), die einen diskursiven Denkprozess zur Erreichung dieses Zieles nutzt. Sie ist im eigentlichen Sinne keine Technik, sondern ein wegloser Weg oder eine methodenlose Methode.

 

Das Bewusstsein ist im Alltagsleben normalerweise objektbezogen, d.h. es ist von der Wahrnehmung äußerer Objekte überprägt. Daneben kann Bewusstsein sich auch auf subjektinterne Gegebenheiten richten. In einem diskursiven Denkprozess, einem gedanklichen Rückkopplungsprinzip, wird in der Transzendentalen Meditation mit Hilfe eines Mantras (20) ein Selbstdämpfungsprozess der gedanklichen Aktivität angeregt, in dessen Verlauf der bewusste Geist die oberflächlichen Denk- und Wahrnehmungs­muster des Tagesbewusstseins vollständig überschreitet. Wird dieser Zustand der Selbstreflexion bis zur reinen Selbstwahrnehmung des Subjektiven verfeinert, so ist reiner Selbstbezug, Selbstbewusstsein bzw. Reines Bewusstsein erreicht. Während der bewusste Geist in einem Zustand ruhevoller Wachheit verharrt, geht der Körper während dieses Habituationsprozesses spontan in einen schlafähnlichen Zustand über. Der Geist ist wach, aber der Körper schläft, ein paradoxer Zustand, der Phasengrenze zwischen den Hauptbewusstseinszuständen vergleichbar. In diesem Zustand wird der Referenzpunkt selbstorganisierter Systeme als Zustand reiner Subjektivität direkt erfahrbar.

 

Indem der Mensch lernt, diesen Zustand mehr und mehr in seine Bewusstseinsaktivität mit einzubeziehen, wird ein ganzes Spektrum neuer Selbsterfahrungen zugänglich. Sei es, dass dieser Zustand selbst in seinen Eigenschaften erfahren wird, sei es, dass die Selbstorganisation des Geist/Körper-Systems gestärkt wird, was sich in psychophysiologischen Selbstregulations- und Integrationsvorgängen äußert.

 

Von Kohlbergs Stufenmodell der moralischen Entwicklung her gesehen treffen Personen mit Erfahrungen höherer integrierter Bewusstseinszustände moralische Entscheidungen aufgrund ethischer Prinzipien und mit einer "kosmischen Orientierung". (21) (22)

 

Evolutionskonforme Kreativität als lebendige Kommunikation mit dem SELBST

Ein wichtiges Ergebnis der oben beschriebenen Meditation ist das schrittweise Bewusstwerden der Stadien des Denkprozesses mit den inneren Mechanismen der menschlichen Kreativität. Dabei erweist sich das Transzendentale Bewusstsein mehr und mehr als Schlüssel zum Verständnis der menschlichen Kreativität. Die schrittweise Annäherung an diesen Bewusstseinszustand ermöglicht eine Überschreitung der Begrenzung der rationalen Logik, da dieser Zustand als Referenzpunkt aller Selbstorganisationsprozesse des Bewusstseins, als paradoxer, arationaler Zustand alle Logik transzendiert. Er ermöglicht also gedankliche Verknüpfungen, die in der zweiwertigen Logik des Wachbewusstseins verboten sind.

 

Gleichzeitig hat im Grenzbereich dieses Bewusstseinszustands nur der gedankliche Inhalt Bestand, der vor dem Spiegel der Einheit, Ganzheit bestehen kann, d.h. die bewusste Erfahrung dieses Zustands wirkt wie ein Filter für die gedankliche Aktivität, lässt die gedankliche Aktivität evolutionskonformer werden.

 

Als ganzheitlicher Zustand ergänzt er fragmentarisches Denken und erweitert damit Lösungsansätze zu umfassenderen Lösungen. Neben der assoziativen Vervollständigung des gedanklichen Kontextes (Permutation von Begriffen) verschmilzt die Vielfalt der Gedanken zu einer ganzheitlichen Uridee, die in sich noch nicht durch den rationalen Intellekt überschattet ist. Es bedarf einer längeren gedanklichen Arbeit, diese holistische Lösung in das Oberflächendenken zu über­setzen und damit der Mitwelt verständlich zu machen.

 

Die Schlüsselrolle, die dem Selbst als Phasengrenze zwischen Wachen und Schlafen für den kreativen Prozess zukommt, war den großen Dichtem wie Goethe, Schiller, Milton, Tennyson und Worthworth, Komponisten wie Brahms, Bach, Beethoven, Mozart oder Schubert, Wissenschaftlern wie Kekule, Justus Liebig, Poinkare oder Helmholtz bekannt (23).

 

So führt Johannes Brahms in einem Gespräch mit Arthur Abell 1896 aus: (24)

 

.. Wie schon erwähnt, befinde ich mich in einer tranceähnlichen Situation, wenn ich in diesen traumähnlichen Zustand falle - einem Schweben zwischen Schlafen und Wachen; ich bin wohl noch bei Bewusstsein, aber hart an der Grenze, das Bewusstsein zu verlieren. In solchen Augenblicken strömen die inspirierten Ideen ein."

 

Richard Wagner führt in einem Gespräch mit Engelbert Humperdinck aus:

 

.. Ich habe sehr bestimmte Eindrücke in diesem tranceähnlichen Zustand, der die Voraussetzung für jede schöpferische Bemühung ist. Ich spüre, dass ich mit dieser schwingenden Kraft eins bin, dass sie allwissend ist und dass ich aus ihr in einem Ausmaß schöpfen kann, dass nur von meiner eigenen Fähigkeit begrenzt ist."

 

Der große Naturforscher Hermann Helmholtz meint:

 

.. Soweit meine Erfahrung reicht, kamen günstige Einfälle nie dem ermüdeten Gehirn und nicht am Schreibtisch. Oft waren sie des Morgens heim Aufwachen da, wie auch Gauß angemerkt hat: die kleinsten Mengen alkoholischer Getränke schienen sie zu verscheuchen ..."

 

 

Die Berichte von Astronauten, Künstlern und Wissenschaftlern verdeutlichen nach K. Volkamer 25),

 

  • "dass an der Basis menschlichen Bewusstseins eine unmanifeste, nach den Worten von Brahms kosmische Ebene von Kreativität und Intelligenz existiert;
  • dass menschliches Bewusstsein fähig ist, diese transzendente Ebene der Schöpfung durch inneren Selbstbezug, d.h. meditative Versenkung, zu erfahren;
  • dass diese selbstbezogene Ebene sozusagen in einem selbstbezogenen Bewusstseinszustand "zwischen Wachen und Schlafen" angesiedelt ist;
  • dass diese Ebene jenseits der üblichen "Denkinhalte" liegt und deshalb nicht durch Nachdenken erfahren werden kann;
  • dass die Erfahrung dieser Ebene zu einer ungewöhnlichen Entfaltung kreativer, intuitiver, intelligenter und ethischer Werte führt;
  • dass herausragende Leistungen durch die "Ganzheitserfahrung" dieser Ebene möglich werden;
  • dass diese Ebene als der Ursprung menschlicher Kreativität und Intuition anzusehen ist und damit die eigentliche Basis menschlicher Existenz und der damit verbundenen subjektiven Aspekte beinhaltet."

 

Es wird Zeit, dass wir uns dieses alten Wissens wieder bewusst werden. Wir können die Herausforderungen, welche die Zukunft an unsere Gegenwartsgene­ration stellt, nur erfüllen und mit der Evolution nur dann in Einklang gelangen, wenn wir durch Integration der Tiefendimension unseres Bewusstseins unser Intelligenzpotential entscheidend erweitern. Es gibt eine übergeordnete schöpferische Kraft der Natur, die nur unzureichend von unseren wissenschaftlichen Methoden erfasst wird. Sie im inneren Menschen zu lokalisieren und aufzuschließen, ist eines der wichtigsten Ziele unserer Zeit, wollen wir die Herausforderung unserer Zeit meistern. Daraus ergibt sich eine reiche Ernte, die es einzufahren gilt: das zeitlose Urwissen der Menschheit, das in das heutige Verständnis zu übersetzen ist, um evolutionskonformes Denken und Handeln der Gesellschaft wieder zugänglich zu machen.

 

Studiert man die alten Texte, so erfolgt menschliche Handlung ursprünglich immer aus einer inneren Dimension der Ganzheit heraus, die es gilt, dem Einzelnen wieder bewusst zu machen. Im "Moment der Genese" ist damit eine planetarische Ethik erfüllt, erst die übliche rein intellektuelle Kontrolle überschattet die Einheitsdimension und wertet die ursprüngliche Handlung (Intui­tion, Inspiration oder Imagination) auf einen kurzfristigen Erfolg hin um. Das Problem evolutionären Handelns ist, dass es sich in einer Dimension formt, die arational (nicht, wie fälschlicherweise immer wieder behauptet, irrational) ist und somit unserem heutigen beschränkten Wissenschaftsverständnis nicht zugänglich ist, es sei denn, man verflacht diese Realität im Sinne einer zweiwertigen Logik und verliert damit den lebendigen Bezug zur Natur.

 

Im Rahmen eines interkulturellen Bildungsansatzes muss dieses zeitlose Urwissen über die innere Natur der Schöpfung wieder erfahrbar, verstehbar und nutzbar gemacht werden. Dazu gehört sicher auch, in einer großen Synthese Wissenschaft und Spiritualität wieder miteinander zu versöhnen. Ebenso wird es notwendig sein, das Wissen um den Ursprung der Kreativität wieder in die Schulen (26) einzuführen, allen Schülern als Vorbereitung auf die Herausforderung des späte­ren Berufslebens die Erfahrung der Phasengrenze ihres eigenen Bewusstseins zu vermitteln und ihnen den Schlüssel zur eigenen Bewusstseinsevolution in die Hand zu geben.

 

Literaturverzeichnis

(1) zitiert nach: Stuart Holroyd: Wörterbuch der Neuen Perspektiven. Frankfurt/Main: Verlag Zweitausendeins 1991: 125

 

(2) Kenneth R. Pelletier: Unser Wissen vom Bewusstsein. München: Verlag Kösel 1982

 

(3) Gordon G. Globus: Consciousness and Brain. Arch. Gen. Psychiatry 29: 153-177 (zitiert nach (2), 258)

 

(4) Kenneth R. Pelletier: s.o, S. 260

 

(5) Selbstbezug = Einwirkung eines Subjekts (Selbstes) auf sich selbst, so dass es gleichermaßen Subjekt wie Objekt ist.

 

(6) Selbstreflexion = Reflexion-in-sich eines Elementes, Prozesses oder Systems.

 

(7) selbstorganisiert = der Prozess der Produktion von Ordnung ist unabhängig von der Außenwelt, nicht von außen abhängig

 

(8) Shankara, Upadesasahsri 1.2.71

Der Lehrer sprach: "... weil Du Bewusstsein hast, bist Du auf Dich selbst bezogen und bist nicht einem anderen unterworfen. Denn kein Wesen, das Bewusstsein hat, erhebt einen anderen zu seinem Selbst und wird von einem anderen beherrscht, weil es nicht möglich ist, dass ein Bewusstsein für ein anderes Bewusstsein existiert. Vielleicht haben beide die gleiche Natur wie die Lichter zweier Lampen."

 

(9) F.Th.Gottwald: Bewußtseinswissenschaft - ein interdisziplinäres Forschungsfeld. Mitteilungsblätter der Dt. MERU Ges. 11 (1985): 49

 

(10) Erfolgt diese Ausdifferenzierung durch eigenen Selbstbezug, so liegen selbstreferenzielle Systeme vor.

 

(11) Eine Paradoxie ist eine Einheit einer Differenz (A/B) im Nullpunkt (P) (vgl. M. Blecher s.u., S. 80)

 

(12) M. Blecher: Zu einer Ethik der Selbstreferenz. Berlin: Verlag Duncker & Humblot (Schriften zur Rechtstheorie 147) 1991: 74ff

 

(13) Katha Upanishad 1.

 

(14) Wachen (W), Träumen (REM) und Tiefschlaf (D)

 

(15) Katha Upanishad 2.

 

(16) J. Gebser: Ursprung und Gegenwart. Stuttgart: DIVerlagsanstalt 1966

 

(17) hier betrachtet unter dem Gesichtspunkt der individuellen Bewusstseins­entwicklung des Menschen. J. Gebser hat dieses Konzept auch auf die kollektive Bewußtseinsentwicklung ausgedehnt und kulturhistorisch belegt.

 

(18) vgl. hierzu das ayurvedische Konzept des "Pragyan aparadha" (Fehler des Bewusstseins/Intellekts)

 

(19) D.W.Orme-Johnson et. al.: Higher States of Consciousness Beyond Formal Operations: The Vedic Psychology of Human Developement. In: C.N. Alexander, E.J. Langer, M. Oetzel (Eds.): Higher States of Human Developement: Adult Growths Beyond Formal Operations. New York: Oxford University Press, 1989

 

(20) Jean Gebser nennt es das arationale Bewusstsein, Sri Aurobindo das integrale Bewusstsein.

 

(21) sanskrit "man = denken" und "tra = praktische Anwendbarkeit"; mantra = Denkinstrument oder Gedankenfahrzeug

 

(22) S .J. Nidich , R. .Ryncarz, A . J . Abrams, D. W .0rme-Johnson, R.K.Wallace: Kohlbergian cosmic perspective responses, EEG coherence, and the TM and TM-Sidhi programme. J.of Moral Educ. 12 (1983): 166-173)

 

(23) siehe auch F.Th. Gottwald, W. Howald: Bewußtseinsentfaltung in  spirituellen Traditionen Asiens. in A.Resch: Veränderte Bewusstseinszustände. Insbruck: Resch Verlag, 1990: 405-493.

 

(24) K. Volkamer, Ch. Streicher, Ken G. Walton: Intuition, Kreativität und ganzheitliches Denken. Heidelberg: Verlag I.H.Sauer 1991

 

(25) A. M. Abell: Gespräche mit berühmten Komponisten. Kleinjörl bei Flensburg: G. E. Schröder Verlag 1981

 

(26) K. Volkamer, s.o., Seite 37

 

(27) Schule = Muße (s'chole = das Zur-Ruhe-kommen)

 

Quelle: H. Schenkluhn, Vedisches Bildungswerk, Kolleg Hannover, Vorlesungsverzeichnis SS 1993, S. 47 - 62

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